Online-Beratungspraxis • Psychologische Beratung • Coaching

Weihnachten in Trauer: Was dir durch die Feiertage hilft, wenn jemand fehlt

Wenn du einen geliebten Menschen verloren hast, dann ist Weihnachten der Abend im Jahr, an dem die Lücke am lautesten wird. Das ganze Fest ist darauf ausgerichtet, dass alle da sind, die dazugehören, ob sie nun jedes Jahr mit am Tisch sitzen oder mit einem Anruf, einer Karte oder in Gedanken dabei sind, denn Weihnachten ist das Fest der Zusammengehörigkeit, das Fest der (Wahl-)Familie. Und es gibt kaum einen anderen Moment im Jahr, an dem so schmerzhaft deutlich wird, wer fehlt.

In den meisten Familien ist über Jahrzehnte ein festes Drehbuch für diese Tage gewachsen, in dem jeder seine Rolle kannte: wer wann wo feiert, wer die Gans macht, wer den Baum schmückt und wer die Geschichten von früher erzählt. Wenn ein Mensch aus diesem Gefüge stirbt, dann verschwindet mit ihm auch das Weihnachten, das ihr gemeinsam hattet, und trotzdem rückt der 24. Dezember unaufhaltsam näher, mit denselben Liedern, denselben Lichtern und denselben Erwartungen, als hätte sich nichts verändert.

Und selbst wenn du mit diesem Menschen gar keine besondere Tradition geteilt hast, fehlt er trotzdem, weil er einfach dazugehört hat, ganz gleich, ob er jedes Jahr den Baum geschmückt oder nur still mit am Tisch gesessen hat. Für viele Trauernde fühlt sich das an, als müssten sie ein Fest der Freude mitten in der schwersten Zeit ihres Lebens aushalten, und dieses Gefühl verdient es, ernst genommen zu werden.

„Wir haben 44 Jahre lang zusammen den Baum geschmückt. Jetzt steht die Kiste mit den Kugeln im Keller, und ich trau mich nicht mal, sie anzugucken.“ (Klientin, 67, hat ihren Mann verloren)

In diesem Artikel über Weihnachten in Trauer geht es um genau diese Lücke und darum, was in ihr Platz finden kann, ganz gleich, ob es dein erstes Weihnachten ohne deinen Menschen ist oder dein Verlust schon ein paar Jahre zurückliegt.

Trauer an Weihnachten: Warum der Schmerz in dieser Zeit so heftig zuschlägt

Wenn ich mit den Menschen, die ich begleite, auf Weihnachten schaue, zeigt sich die Trauer bei jedem ein bisschen anders. Manche werden im Dezember plötzlich wieder durchgeschüttelt, obwohl es im Herbst schon besser ging, andere haben schon das ganze Jahr Angst vor diesen Tagen. Wieder andere kommen gut durch die Adventszeit und werden dann am 23. Dezember oder mitten am Heiligabend von einer Welle erwischt, manche merken erst zwischen den Jahren, wie viel Kraft die Feiertage gekostet haben, und manche spüren vor allem eine dumpfe Taubheit, was in der akuten Trauer eine ganz normale Schutzreaktion der Seele ist. Für all das gibt es nachvollziehbare Gründe.

Ein wichtiger Grund steckt in deinem Gedächtnis. Weihnachten wiederholt sich jedes Jahr fast gleich, und über die Jahre hat dein Kopf ein riesiges Archiv angelegt, in dem dein Mensch auf jeder Seite vorkommt. Besonders Gerüche führen auf kürzestem Weg zu Gefühlen und Erinnerungen, und so reicht manchmal ein Hauch von Zimt oder Tanne, und du stehst innerlich wieder in der Küche deiner Mutter.

„Auf dem Weihnachtsmarkt roch es nach gebrannten Mandeln, und ich musste wieder gehen, bevor ich überhaupt richtig da war. Die hat Mama uns jedes Jahr gekauft.“ (Klientin, 63, hat ihre Mutter verloren)

Dann ist da die Bindung zu deinem Menschen, die mit seinem Tod nicht einfach aufhört. Die US-amerikanische Neurowissenschaftlerin Mary-Frances O’Connor beschreibt in ihrem Buch „The Grieving Brain“, dass unser Gehirn eine innere Landkarte unserer engsten Menschen anlegt, in der abgespeichert ist, dass dieser Mensch da und erreichbar ist, und dass diese Landkarte nach einem Tod nur sehr langsam umlernt. Weihnachten als Fest der Zugehörigkeit aktiviert dieses innere Suchen besonders stark, als würde ein Teil von dir die ganze Zeit zur Tür schauen.

Manchmal meldet sich auch zuerst der Körper, mit einer sogenannten Jahrestagsreaktion: Er erinnert sich an wiederkehrende Zeiten oft genauer als der Kopf, sodass du schon Ende November schlechter schläfst oder ständig erschöpft bist, ohne zu wissen, warum.

Und dann ist da noch die Gesellschaft mit ihren ziemlich klaren Vorstellungen davon, wie Weihnachten auszusehen hat. Spätestens beim dritten Werbespot, in dem eine Großfamilie lachend um den Gänsebraten sitzt, kann sich das anfühlen wie eine Nachricht aus einem Paralleluniversum, und wer nicht in dieses Bild passt, spürt die eigene Lücke doppelt. Gerade ältere Menschen tragen außerdem oft noch die Stimmen aus ihrer Kindheit in sich, in der ein Trauerjahr ohne Feste selbstverständlich war und die Frage, was die Leute denken, eine große Rolle spielte.

„Im Fernsehen sitzen überall Familien am Tisch, und alle lachen. Ich hab den Fernseher dann ausgemacht und saß da mit meinem Teller Kartoffelsalat.“ (Klient, 71, hat seine Frau verloren)

Falls du dich beim Lesen gefragt hast, ob deine eigene Trauer an Weihnachten überhaupt noch normal ist, findest du in meinem kostenlosen Guide „Ist meine Trauer noch normal?“ zwölf Gedanken, die vielen Trauernden durch den Kopf gehen, über die aber kaum jemand offen spricht.

Die Vorweihnachtszeit in Trauer: Wenn die Angst vor dem Fest größer ist als das Fest

Erstaunlich viele Trauernde erzählen mir im Januar, dass der Heiligabend am Ende gar nicht das Schlimmste war und dass die Wochen davor sie viel mehr Kraft gekostet haben. In der Psychologie nennt man das Erwartungsangst: Der Kopf spielt im Vorfeld alle denkbaren Katastrophen gleichzeitig durch, vom Zusammenbruch unterm Tannenbaum bis zum Streit mit der Schwägerin, und weil er dabei nie zu einem Ende kommt, bleibt die Anspannung über Wochen bestehen. Der eigentliche Tag dagegen hat einen Anfang und ein Ende, und irgendwann ist er vorbei.

„Ich hatte den ganzen Dezember Bauchschmerzen wegen Heiligabend. Und dann saßen wir da, haben über Papa geredet, und es war viel weniger schlimm als die Wochen davor.“ (Klientin, 45, hat ihren Vater verloren)

Dazu kommen die vielen kleinen Prüfungen der Adventszeit, von der Weihnachtsfeier im Büro über die Karten, die geschrieben werden wollen, bis zu den Geschenken, bei denen eine Person plötzlich von der Liste fehlt.

Und dann ist da dieses „Frohe Weihnachten“, das du ab Mitte Dezember an der Supermarktkasse, im Büro und am Telefon ständig hörst. Für Trauernde steckt in diesem Wunsch eine Erwartung, die sie gerade nicht erfüllen können, nämlich froh zu sein, und viele antworten trotzdem mit einem Lächeln, weil alles andere zu viel Erklärung bräuchte. Es hilft zu wissen, dass die meisten Menschen diesen Satz ganz automatisch sagen und damit nichts über dich oder deine Trauer ausdrücken wollen. Bei flüchtigen Begegnungen reicht deshalb ein einfaches „Danke, Ihnen auch“. Bei Menschen, die dir nahestehen, kann es dagegen entlasten, ehrlich zu antworten, etwa mit „Danke, dieses Jahr wird es für mich ein schweres Fest“, denn damit gibst du ihnen die Chance, dich in dieser Zeit wirklich zu sehen, und ersparst dir, die ganzen Feiertage lang eine Rolle zu spielen.

Wie du mit dieser Zeit am besten umgehst, ist sehr unterschiedlich. Manchen hilft es, kleine Entscheidungen früh zu treffen, etwa dieses Jahr keine Karten zu schreiben oder zur Weihnachtsfeier nur eine Stunde zu gehen, und diese Entscheidungen dürfen jederzeit wieder umgeworfen werden. Andere entlastet es mehr, sich gar nicht festzulegen und zu sagen: „Ich kann das jetzt noch nicht entscheiden, ich schaue spontan, wie es mir geht“, auch wenn die Familie gern schon im November wüsste, wer wann kommt.

Das erste Weihnachten ohne deinen Menschen: Wenn vertraute Dinge ihre Bedeutung verlieren

Das erste Weihnachten liegt oft nur wenige Monate oder Wochen nach dem Tod, und viele laufen dann noch im Funktionsmodus, in dem der Körper vor allem damit beschäftigt ist, den Alltag irgendwie zusammenzuhalten. Es ist eines dieser „ersten Male“, die das erste Trauerjahr so anstrengend machen, mehr dazu findest du in meinem Artikel Wann ist Trauer am schlimmsten?.

Als ich für diesen Artikel versucht habe, mich an mein erstes Weihnachten nach dem Tod meines Bruders zu erinnern, war da zuerst erstaunlich wenig, obwohl ich seinen und meinen Geburtstag in diesem ersten Jahr noch ziemlich genau vor Augen habe. Erst nach und nach sind ein paar Bilder zurückgekommen: dass wir getanzt haben, dass ich ein Glas Wein mehr getrunken habe, als gut gewesen wäre, und dass ich meinen Kindern unbedingt ein schönes Weihnachten schenken wollte. Ich habe mich ehrlich mitgefreut, weil sie sich gefreut haben, und gleichzeitig saß da die ganze Zeit eine Schwere mit am Tisch, die sich nicht wegfeiern ließ. Geholfen hat mir an diesem Abend vor allem das Tanzen, und vielleicht ist genau das so typisch für Trauer an Weihnachten: Freude und Schmerz sitzen nebeneinander, und manchmal braucht es etwas, das den Körper in Bewegung bringt, während der Kopf einfach mal Pause machen darf.

Viele Trauernde erleben in dieser Zeit, dass Dinge, die über Jahrzehnte mit Bedeutung aufgeladen waren, plötzlich leer wirken. Die Krippe, der Adventskranz, das Plätzchenbacken oder der Gottesdienst an Heiligabend haben ihren Sinn auch daraus bezogen, dass ihr sie gemeinsam erlebt habt, und wenn dieser Mensch fehlt, fällt mit ihm oft auch die Bedeutung aus diesen Ritualen heraus. Daraus entstehen Fragen wie „Für wen soll ich eigentlich backen?“ oder „Wozu stelle ich einen Baum auf, wenn ihn keiner mit mir anschaut?“, und dahinter steht häufig eine noch grundsätzlichere: Warum soll ich überhaupt feiern? Viele beschreiben dann ein Gefühl von Sinnlosigkeit, in dem jede Motivation verloren geht.

In der Trauerforschung wird Trauer deshalb auch als Prozess beschrieben, in dem wir Bedeutung neu zusammensetzen müssen, und am ersten Weihnachten stehen viele genau am Anfang dieser Arbeit. Manche erleben die Feiertage dann wie durch eine Glasscheibe: Sie sitzen dabei, sehen die Lichter und fühlen sich trotzdem nicht richtig anwesend.

„Wozu soll ich Plätzchen backen? Er hat die immer gegessen. Für mich allein fehlt mir einfach die Motivation.“ (Klientin, 67, hat ihren Mann verloren)

Wie sich dieses erste Weihnachten anfühlt, hängt auch davon ab, wen du verloren hast. Ist dein Partner oder deine Partnerin gestorben, mit dem oder der du vielleicht dreißig oder vierzig Weihnachten verbracht hast, dann fehlt der Mensch, mit dem du dieses Fest überhaupt gefeiert hast: der Blick über den Tisch, wenn die Schwiegermutter wieder mit derselben Geschichte anfängt, der Moment auf dem Sofa nach der Bescherung. Viele erleben dann eine Einsamkeit, die auch mit Kindern und Enkeln im Raum nicht verschwindet.

Ist deine Mutter oder dein Vater gestorben, fehlt oft der Ort selbst, zu dem du seit Kindertagen an Heiligabend gefahren bist, oder er hat sich so verändert, dass er sich fremd anfühlt, weil das Elternhaus ausgeräumt wird oder der Vater jetzt allein in seinem Sessel sitzt. Viele spüren in dieser Zeit zum ersten Mal, dass sie jetzt selbst die ältere Generation sind.

„Wir sind jedes Jahr an Heiligabend zu Mama gefahren, seit ich denken kann. Dieses Jahr weiß ich nicht mal, wo ich überhaupt hinfahren soll.“ (Klientin, 63, hat ihre Mutter verloren)

Und wenn ein erwachsener Bruder oder eine erwachsene Schwester gestorben ist, dann kommt häufig noch dazu, dass die eigene Trauer an Weihnachten im Schatten der Eltern steht, um die sich alle kümmern, während die Geschwister ihren Schmerz eher still mit sich herumtragen. Und oft fehlt dir an diesem Abend auch ein Verbündeter, der Mensch, dem du über den Tisch hinweg nur einen Blick zuwerfen musstest, wenn sich die Mutter wieder über den zu trockenen Braten aufgeregt hat, mit dem du später in der Küche über die ganze Familie lachen konntest und der als Einziger genau wusste, wie es sich anfühlt, in genau dieser Familie Kind zu sein. Warum das so ist und was das mit Geschwistern macht, habe ich in meinem Artikel über die Trauer von erwachsenen Geschwistern beschrieben.

„Alle haben sich um meine Eltern gekümmert. Dass ich meine Schwester verloren habe, hat an Weihnachten irgendwie keiner gesehen.“ (Klientin, 61, hat ihre Schwester verloren)

Und dann gibt es die vielen Verluste, die in keine dieser Kategorien passen und genauso tief gehen können: die beste Freundin oder der beste Freund, der Partner, mit dem du nicht verheiratet warst, die Oma, bei der du jedes Weihnachten verbracht hast, der Stiefvater, die Schwiegermutter, ein Enkelkind, ein Ex-Partner oder ein Baby, das du in der Schwangerschaft verloren hast. Oft ist dieser Verlust für die anderen am Weihnachtstisch kaum präsent, niemand fragt nach, oder es fällt ein Satz wie „Die Oma war ja auch schon alt“ oder „Es war ja noch ganz am Anfang der Schwangerschaft“. Wie sehr dich ein Verlust trifft, hängt an der Bindung zu diesem Menschen, und die kann zu einer Freundin oder zu einem Baby, das du nie im Arm halten konntest, genauso eng sein wie zu einer Schwester.

Und wer ein Kind verloren hat, ganz gleich in welchem Alter, erlebt gerade Weihnachten, dieses Fest, das so sehr um Kinder kreist, oft als besonders schmerzhaft. Für Eltern gibt es mit dem Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister spezialisierte Anlaufstellen und Gruppen, auch rund um die Feiertage.

Wenn sich an deinem Weihnachten äußerlich kaum etwas verändert

Manche haben mit dem Verstorbenen gar nicht gemeinsam gefeiert. Vielleicht verbringst du Heiligabend seit Jahren mit Partner und Kindern, am Ablauf ändert sich in diesem Jahr nichts, und doch fehlt etwas, das von außen niemand sieht: der Anruf um sieben, der Besuch am zweiten Feiertag oder die alberne Sprachnachricht, die jedes Jahr pünktlich kam.

„Bei uns lief Weihnachten wie immer, mit meinem Mann und den Kindern, Gans, Bescherung, alles. Nur der Anruf von meinem Bruder um sieben kam nicht, und keiner am Tisch hat das gemerkt außer mir.“ (Klientin, 58, hat ihren Bruder verloren)

Gerade weil die Kulisse unverändert bleibt, kann sich diese Trauer besonders einsam anfühlen. Die anderen freuen sich ehrlich auf das Fest, und du lächelst an den richtigen Stellen, während du innerlich bei dem Menschen bist, der heute nicht anrufen wird. Hilfreich ist es, deinem Partner oder deiner Partnerin vorher zu sagen, wie schwer dieser Abend für dich wird, und deinem Menschen bewusst einen eigenen Moment einzuräumen, etwa mit einer Kerze genau zu der Uhrzeit, zu der sonst das Telefon geklingelt hätte, oder mit ein paar Minuten bei alten Fotos. Und es ist in Ordnung, dich zwischendurch für eine halbe Stunde zurückzuziehen, auch wenn im Wohnzimmer gerade gelacht wird.

Wenn dein Mensch in der Weihnachtszeit gestorben ist

Ist dein Mensch im Advent oder zwischen den Jahren gestorben, legen sich Fest und Todestag übereinander. Unser Gehirn verknüpft Erlebnisse, die gleichzeitig stattfinden, sehr eng, und so können Lichterketten oder Weihnachtslieder in den folgenden Jahren genau die Bilder vom Sterben wachrufen, das Krankenhauszimmer, den Anruf, die Stunden am Bett, bei einem plötzlichen Tod manchmal so heftig, dass es sich wie ein inneres Wiedererleben anfühlt. Oft liegt das erste Weihnachten dann sogar zwischen Sterben und Beerdigung, und viele gehen das letzte gemeinsame Weihnachten im Kopf immer wieder durch.

Vielen hilft es, Fest und Todestag in den folgenden Jahren bewusst zu trennen und dem Todestag ein eigenes kleines Ritual zu geben, andere füllen Weihnachten Stück für Stück mit neuen Erinnerungen, die neben den schmerzhaften stehen dürfen. Geh mit deiner Familie rechtzeitig ins Gespräch darüber, dass diese Tage für dich anders sind, denn viele Angehörige würden gern Rücksicht nehmen und sind einfach unsicher, wie. Und wenn die Bilder vom Sterben auch nach vielen Monaten noch ungefragt und heftig zurückkommen, lohnt es sich, mit einer Trauerbegleiterin oder einer traumaerfahrenen Therapeutin darüber zu sprechen.

Wenn es nicht das erste Weihnachten in Trauer ist: Warum auch spätere Jahre wehtun

Über diesen Teil spricht kaum jemand, obwohl er so viele betrifft. Im ersten Jahr rechnet das Umfeld noch damit, dass Weihnachten schwer für dich wird, es gibt Anrufe, Nachrichten und vorsichtige Fragen. Ein paar Jahre später ist der Verlust für die anderen längst Vergangenheit, und viele Trauernde erleben gerade das zweite Weihnachten als schwerer, weil der Schock nachgelassen hat und die Endgültigkeit erst jetzt in ihrer ganzen Wucht ankommt.

„Beim dritten Weihnachten hat keiner mehr nach ihm gefragt. Ich hab dann selbst angefangen, von ihm zu erzählen, und plötzlich haben alle mitgeredet.“ (Klientin, 58, hat ihren Bruder verloren)

Gleichzeitig zeigt sich in diesen Jahren oft, dass das, was beim ersten Mal getragen hat, später nicht mehr passt, und darin steckt auch eine Freiheit. Du darfst ausprobieren, was sich für dich stimmig anfühlt, und es ist völlig in Ordnung, wenn es einige Jahre dauert, bis du etwas gefunden hast, das längerfristig zu dir passt, oder wenn es am Ende jedes Jahr etwas anderes wird. Das ungeschriebene Gesetz, wie „man“ Weihnachten feiert, hat eigentlich noch nie für irgendwen wirklich gegolten, und für Trauernde gilt es noch weniger. Vielleicht ist genau das eine der wenigen Stellen, an denen ein Verlust auch etwas Neues möglich macht.

„Wir haben ein paar Jahre rumprobiert, einmal Restaurant, einmal Ostsee, einmal ganz klassisch. Inzwischen machen wir jedes Jahr was anderes, und das ist okay so.“ (Klientin, 45, hat ihren Vater verloren)

Weihnachten in Trauer gestalten: Was dir durch die Feiertage helfen kann

Wenn der alte Weihnachtsplan so nicht mehr funktioniert, dann darfst du nach und nach einen neuen zusammensetzen, und das darf ruhig in kleinen Stücken passieren. Dabei musst du nicht bei null anfangen. Du kannst an Altes anknüpfen und vertraute Traditionen bewusst beibehalten, weil sie dir Halt geben, du kannst manches verändern oder durch etwas Neues ersetzen, und du kannst Weihnachten in diesem Jahr auch ganz ausfallen lassen. Oft wird es am Ende eine Mischung aus allem, ein bisschen von früher, ein bisschen Neues und an manchen Stellen eine bewusste Lücke. Dein neuer Plan muss weder groß noch perfekt sein, er soll vor allem das endlose Grübeln beenden und dir das Gefühl zurückgeben, dass du über diese Tage mitentscheidest.

Wo und mit wem du Weihnachten verbringst

Dein Zuhause ist voller Erinnerungen an frühere Weihnachten, und für manche ist es tröstlich, genau dort zu bleiben, wo der Sessel noch steht und die Krippe auf ihrem angestammten Platz. Für andere wäre es kaum auszuhalten, den Baum an dieselbe Stelle zu stellen wie all die Jahre davor, und dann kann ein Ortswechsel zu den Kindern, zu Freunden oder in eine Ferienwohnung helfen, dem gewohnten Bild ein wenig auszuweichen. Hilfreich ist auch die ehrliche Frage, welche Menschen dir in dieser Zeit guttun und welche dich eher Kraft kosten, und ob du die Antwort rechtzeitig aussprechen kannst, bevor dich jemand fest für den zweiten Feiertag eingeplant hat.

Wenn du Weihnachten allein verbringst

Gerade nach dem Tod des Partners oder der Partnerin stellt sich plötzlich die Frage, mit wem man überhaupt feiert, wenn genau der Mensch fehlt, mit dem man jahrzehntelang gefeiert hat. Manche entscheiden sich ganz bewusst für einen Abend allein und erleben ihn als erstaunlich entlastend, weil niemand eine fröhliche Miene von ihnen erwartet. Damit dich so ein Tag nicht überrollt, hilft eine lose Struktur, also ein Spaziergang am Nachmittag, ein Telefonat zu einer festen Uhrzeit, ein Essen, auf das du dich ein bisschen freust, und vielleicht ein Film, der garantiert nichts mit Weihnachten zu tun hat.

Es gibt aber auch die andere Seite, und die gehört genauso ehrlich ausgesprochen. Für viele ist das Alleinsein an Weihnachten keine Wahl, weil der Partner gestorben ist, die Kinder weit weg wohnen, der Freundeskreis über die Jahre kleiner geworden ist oder schlicht niemand da ist, der fragt. Diese Einsamkeit kann sich an Heiligabend so schwer anfühlen, dass es sich kaum beschreiben lässt, und sie ist kein persönliches Versagen, auch wenn sie sich manchmal so anfühlt.

Wenn du merkst, dass dir dieses Alleinsein Angst macht, dann lohnt es sich, schon im Advent nach Möglichkeiten zu schauen, wie du an diesen Tagen Menschen um dich haben kannst. Viele Kirchengemeinden, Hospizvereine und Trauercafés bieten Gedenkgottesdienste oder Weihnachtsfeiern für Menschen an, die nicht allein sein möchten, und auch Wohlfahrtsverbände, Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftsinitiativen laden in vielen Orten zu einem gemeinsamen Heiligabend ein.

Manche finden auch Halt darin, an diesen Tagen etwas für andere zu tun, etwa beim Weihnachtsessen einer Tafel mitzuhelfen oder ehrenamtlich im Seniorenheim vorbeizuschauen, weil man dort ganz selbstverständlich unter Menschen ist, ohne über sich selbst reden zu müssen.

Und oft lohnt es sich, den Mut zusammenzunehmen und einen Menschen direkt zu fragen, etwa die Nachbarin, die alte Kollegin oder die Freundin von früher, ob ihr einen der Feiertage gemeinsam verbringen wollt, denn erstaunlich viele sind selbst allein und freuen sich über genau diese Frage.

Für die Stunden, in denen du doch allein bist und einfach jemanden zum Reden brauchst, gibt es Telefonangebote, die auch an den Feiertagen erreichbar sind. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr für alle da, und für Menschen ab 60 gibt es das Silbertelefon von Silbernetz unter 0800 4 70 80 90, bei dem man ganz ohne Krise einfach mal reden kann.

„Die Kinder wollten, dass ich an Heiligabend zu ihnen komme. Ich bin dann zu Hause geblieben und erst am ersten Feiertag gefahren, und für mich war das genau richtig.“ (Klient, 71, hat seine Frau verloren)

Welche Traditionen bleiben dürfen und welche ein Jahr Pause bekommen

Geh deine Weihnachtstraditionen ruhig einmal einzeln durch und frag dich bei jeder, ob sie dir gerade Halt gibt oder ob sie dir nur noch wehtut. Besonders schwer sind oft die Aufgaben, die der verstorbene Mensch übernommen hat, ob das Baumkaufen, das Schmücken, das Verteilen der Geschenke oder das traditionelle Essen am ersten Feiertag, und es lohnt sich, offen darüber zu sprechen, wer diese Rolle übernehmen möchte oder ob sie in diesem Jahr einfach leer bleiben darf. Eine Tradition zu pausieren heißt dabei noch lange nicht, sie für immer aufzugeben, denn manches kehrt nach ein paar Jahren von selbst zurück, oft in einer leicht veränderten Form.

„Den Baum hat immer er besorgt. Dieses Jahr hat das mein Enkel übernommen, und der Baum war krumm wie ein Fragezeichen. Darüber hätte sich Klaus die ganzen Feiertage lang aufgeregt, und ich musste so lachen, dass mir die Tränen kamen.“ (Klientin, 67, hat ihren Mann verloren)

Für jeden Plan einen Plan B

Was immer du für die Feiertage planst, es hilft, schon vorher zu wissen, was du tust, falls es anders kommt, denn Trauer hält sich selten an Pläne. Gehst du zu einer Feier, fahr mit dem eigenen Auto oder verabrede ein Zeichen mit einer vertrauten Person. Verbringst du Heiligabend allein, überleg dir vorher, wen du anrufen kannst, frag ruhig schon im Voraus, ob diese Person erreichbar ist, und leg dir die Nummern griffbereit, auch die der TelefonSeelsorge. Das kann die Freundin mit dem verabredeten Codewort sein, eine kleine Chatgruppe, in die du nur ein Herz schicken musst, damit sich jemand meldet, die Kneipe um die Ecke, die auch an Heiligabend aufmacht, oder eine Online-Community für Trauernde, in der auch nachts um zwei noch jemand antwortet. Wenn du unter 25 bist, erreichst du außerdem den krisenchat rund um die Uhr per WhatsApp oder SMS. Und auch ein geplanter Grabbesuch an Heiligabend oder eine Reise über die Feiertage darf verschoben oder abgebrochen werden, wenn es zu viel wird.

Ein Plan B ist dabei wie ein Regenschirm, den man einpackt und am Ende oft gar nicht aufspannen muss, und er zeigt vor allem, wie gut du inzwischen auf dich selbst achtest.

Sei achtsam mit dir, denn Trauer ist auch körperlich

Trauer passiert keineswegs nur im Kopf, der Körper reagiert auf einen schweren Verlust mit einer anhaltenden Stressreaktion, mit Schlafstörungen, Erschöpfung oder einer erhöhten Anfälligkeit für Infekte, und die Weihnachtszeit setzt da oft noch eins drauf. Achte deshalb gerade jetzt auf die Grundlagen, also regelmäßig essen, so gut es geht schlafen, jeden Tag ein Stück an die frische Luft und bewusst Pausen einplanen, und sei vorsichtig mit Alkohol, denn das zweite Glas Glühwein dämpft den Schmerz zwar kurz, macht die Nacht danach aber meistens schlimmer. Und häng die Messlatte für dieses Weihnachten tief, denn ein Fest, das du einigermaßen gut überstehst, ist in diesem Jahr ein völlig ausreichendes Ziel.

Wenn an Weihnachten die Familie zusammenkommt und jede und jeder anders trauert

Wenn an Weihnachten die Familie zusammenkommt, sitzen oft ganz unterschiedliche Formen von Trauer an einem Tisch, und genau das macht diese Tage so kompliziert. Vielleicht trauerst du sehr tief, während die Familie deines Partners den Verstorbenen kaum kannte und sich ganz unbefangen auf das Fest freut. Vielleicht trauert ihr alle, aber jede und jeder auf eine eigene Weise: Die eine möchte den ganzen Abend über den Verstorbenen sprechen, der andere bekommt dazu kein Wort heraus, die Mutter will, dass alles genau so ist wie immer, und die Schwester hält genau das kaum aus.

Schwierig wird es oft bei den kleinen Sätzen, die beiläufig fallen und trotzdem treffen. „Wir wollen es uns doch schön machen“, „Mama hätte nicht gewollt, dass wir traurig sind“, „Jetzt seid ihr ja wenigstens alle zusammen“ oder „Du siehst schon viel besser aus“ sind meistens lieb gemeint und wirken trotzdem, als würde deine Trauer gerade freundlich zur Seite geschoben. Welche Floskeln Trauernde besonders häufig verletzen und was stattdessen hilft, habe ich in meinem Artikel über Trauerfloskeln zusammengestellt.

Trauer verändert Menschen, und manchmal bringt sie in Familien auch alte Konflikte an die Oberfläche, etwa die Frage, wer sich während der Krankheit mehr gekümmert hat oder was mit dem Elternhaus passieren soll, während du selbst gerade dünnhäutiger bist als sonst. Kläre deshalb für dich, wie viel du dir zumuten möchtest: vielleicht die Bescherung, aber nicht das lange Kaffeetrinken am ersten Feiertag, vielleicht zwei Stunden statt zwei Tage und ein Platz, von dem aus du unauffällig an die frische Luft verschwinden kannst. Und wenn du in deiner Familie die Rolle hast, dich um alle anderen zu kümmern, dann teil dir diese Rolle mit jemandem und gönn dir zwischendurch kleine Pausen, in denen du nachspürst, wie es dir eigentlich gerade geht.

„Bei uns ist an Heiligabend wieder der alte Streit hochgekommen, wer sich damals mehr um meine Schwester gekümmert hat. Ich bin dann nach dem Essen gefahren und hab zu Hause eine Kerze für sie angezündet. Das war nicht das Weihnachten, das ich mir gewünscht hab, aber für mich war es in dem Moment das richtige.“ (Klientin, 61, hat ihre Schwester verloren)

Sitzen Kinder oder Enkel mit am Tisch, hilft ein Blick darauf, wie stark sie selbst betroffen sind. Kinder, die selbst trauern, tun das oft in Sprüngen, im einen Moment tieftraurig und im nächsten ausgelassen beim Spielen, und nehmen sich damit ganz selbstverständlich die Pausen, die wir Erwachsenen uns oft verbieten. Frag sie ruhig, wie der verstorbene Mensch an Weihnachten dabei sein soll, denn sie haben oft die schönsten Ideen. Sind die Kinder kaum betroffen, weil du zum Beispiel deinen Bruder verloren hast, den sie wenig kannten, dann sollte nach Möglichkeit jemand anderes die Hauptverantwortung für ihr Weihnachten übernehmen, damit du auch einfach traurig sein darfst. In allen Fällen schadet es Kindern nicht zu sehen, dass Erwachsene weinen, solange sie spüren, dass trotzdem jemand für sie da ist.

„Meine Enkelin hat gefragt, ob die Uroma im Himmel auch Geschenke kriegt. Dann haben wir zusammen einen Stern fürs Grab gebastelt, und das war der schönste Moment im ganzen Advent.“ (Klientin, 63, hat ihre Mutter verloren)

Wenn es machbar ist, dann redet schon vor den Feiertagen miteinander darüber, was jede und jeder sich wünscht, was gerade zu viel wäre und welche Erwartungen es an diese Tage gibt. Nicht alle Wünsche werden sich erfüllen lassen, und manchmal läuft so ein Gespräch auch anders, als du es dir erhofft hast, aber allein das Aussprechen nimmt oft schon viel Druck heraus. Und wenn es gelingt, dann kann gerade dieses Weihnachten eine ganz besondere Nähe entstehen lassen, weil ihr einen Teil eurer Trauer zum ersten Mal gemeinsam tragt und spürt, dass ihr darin nicht allein seid.

„Meine Mutter redet am liebsten den ganzen Abend über Papa, mein Bruder kriegt dazu kein Wort raus. Dieses Jahr hat jeder einen Zettel mit einer Erinnerung an ihn geschrieben, und die haben wir beim Nachtisch vorgelesen. Mein Bruder hat dabei geweint, das hab ich vorher noch nie gesehen, und irgendwie war das ein richtig schöner Moment.“ (Klientin, 45, hat ihren Vater verloren)

Gedenken an Verstorbene an Weihnachten: Wie dein Mensch einen Platz am Fest behält

Lange galt in der Trauerbegleitung die Vorstellung, man müsse den Verstorbenen irgendwann „loslassen“, um wieder gesund zu werden. Heute geht man davon aus, dass es Trauernden guttut, eine innere Beziehung zu ihrem verstorbenen Menschen zu bewahren, die sich über die Jahre verändert und trotzdem bleibt. Die Trauerexpertin Chris Paul beschreibt dieses Verbundenbleiben in ihrem Kaleidoskop des Trauerns als eine der zentralen Facetten von Trauer, und Gedenkrituale an Weihnachten sind eine sehr konkrete Möglichkeit, dieser Verbindung einen Platz zu geben. Neben den Klassikern wie der Kerze für deinen Menschen, dem Zweig vom Weihnachtsbaum fürs Grab oder seinem Lieblingsessen gibt es viele Ideen, die etwas persönlicher sind und oft gerade deshalb so guttun:

  1. Seine oder ihre Stimme hören. Vielleicht hast du noch Sprachnachrichten oder kurze Videos auf dem Handy, und manche suchen sich an Heiligabend bewusst einen ruhigen Moment, in dem sie eine davon anhören, allein oder gemeinsam mit der Familie.
  2. Eine Playlist mit ihren Liedern, die alle in der Familie auf dem Handy haben und die an Heiligabend läuft, auch wenn zwischen „Stille Nacht“ plötzlich Udo Jürgens oder AC/DC auftaucht.
  3. Ein Anhänger aus seinem Lieblingshemd oder aus ihrem alten Schal, den du selbst nähst oder nähen lässt, sodass jedes Jahr etwas von deinem Menschen am Baum hängt.
  4. Ihr Rezept in ihrer Handschrift, nach dem du die Plätzchen oder den Kartoffelsalat machst und das du vielleicht einrahmst oder auf ein Geschirrtuch drucken lässt, was inzwischen einige Anbieter machen.
  5. Ein Geschenk, das er ausgesucht hätte. Alle in der Familie besorgen eine Kleinigkeit, die der Verstorbene verschenkt hätte, und geben sie an jemanden weiter, der sie brauchen kann, zum Beispiel über eine Wunschbaumaktion im Ort.
  6. Auf deinen Menschen anstoßen, am besten mit seinem Lieblingsgetränk, und dazu erzählt jede und jeder am Tisch eine kurze Geschichte über ihn.
  7. Ein Erinnerungsglas, in das alle im Advent Zettel mit gemeinsamen Erlebnissen werfen und das an Heiligabend reihum geöffnet wird.
  8. Post an deinen Menschen, also eine Weihnachtskarte oder ein Brief, den du ans Grab bringst, und auf manchen Friedhöfen gibt es inzwischen sogar eigene Briefkästen für Post an Verstorbene.
  9. Seine Rolle bewusst übernehmen, also den Witz erzählen, den er jedes Jahr erzählt hat, oder ihre traditionelle kleine Rede halten, ausdrücklich in ihrem Namen.
  10. Ein Licht ins Fenster stellen. Am zweiten Sonntag im Dezember zünden beim Worldwide Candle Lighting Menschen auf der ganzen Welt um 19 Uhr eine Kerze an und stellen sie ins Fenster, ursprünglich im Gedenken an verstorbene Kinder, Geschwister und Enkel, und wer möchte, kann sich dieser Lichterwelle anschließen.

„Ich deck ihr Glas mit. Nur das Glas, kein ganzes Gedeck. Die Kinder fanden das erst komisch, inzwischen stoßen alle damit an.“ (Klient, 71, hat seine Frau verloren)

Manche dieser Rituale wachsen über die Jahre und bekommen eine eigene Geschichte, und es kann sehr berührend sein, irgendwann zurückzuschauen und zu sehen, wie sich die eigene Trauer dabei verändert hat.

„Ich schreib meinem Bruder jedes Jahr an Heiligabend einen Brief, inzwischen sind es sieben. Wenn ich die alten lese, seh ich, wie sehr ich mich verändert hab.“ (Klientin, 58, hat ihren Bruder verloren)

Weihnachten trotz Trauer feiern: Darf ich mir überhaupt etwas Gutes tun?

In meinen Begleitungen erlebe ich immer wieder Menschen, die sich schon schwertun, sich einen Kaffee in der Wintersonne zu gönnen, ein Stück Kuchen beim Bäcker oder ein richtig gutes Essen, und die sich ertappt fühlen, sobald sie am Telefon über etwas lachen. Dahinter steckt meistens eine tiefe Loyalität zum verstorbenen Menschen und der Gedanke, wie man eigentlich genießen kann, während er oder sie nichts mehr genießen kann. Bei vielen Älteren klingt außerdem noch die Erziehung nach, in der man im Trauerjahr nicht feierte und sich mit Freude eher zurückhielt, und all das wird an Weihnachten, wenn das Schöne so offensichtlich auf dem Tisch steht, besonders laut.

„Ich hab mir im Café einen Cappuccino bestellt und dann ein total schlechtes Gewissen gehabt. Meine Schwester kann keinen Kaffee mehr trinken, und ich sitz hier in der Sonne.“ (Klientin, 61, hat ihre Schwester verloren)

Die Trauerforschung hat auf dieses Gefühl eine ziemlich entlastende Antwort. Die niederländische Psychologin Margaret Stroebe hat gemeinsam mit ihrem Kollegen Henk Schut im sogenannten Dualen Prozessmodell beschrieben, dass gesunde Trauer aus einem ständigen Pendeln besteht, und zwar zwischen den Zeiten, in denen du dich dem Verlust zuwendest, weinst, erinnerst und vermisst, und den Zeiten, in denen du dich dem Leben zuwendest, Neues ausprobierst, dich ablenkst oder einfach mal durchatmest.

Beide Seiten sind dabei gleich wichtig, und gerade die Fähigkeit, zwischen ihnen hin und her zu wechseln, gilt in der Trauerforschung heute als Zeichen einer gesunden Trauer. Der Kaffee in der Sonne ist in diesem Sinne eine kleine Erholungsinsel, die dein Inneres braucht, um die schweren Momente überhaupt tragen zu können, und mit Verrat an deinem Menschen hat er herzlich wenig zu tun.

Wenn dich das Thema Schuld in deiner Trauer generell begleitet, findest du in meinem Artikel über Schuldgefühle nach dem Tod noch mehr dazu, woher diese Gefühle kommen und wie du anders mit ihnen umgehen kannst.

Wie ist das bei dir: Gibt es etwas, das du dir in der Weihnachtszeit eigentlich gern gönnen würdest, und hältst du dich bisher davon zurück, weil es sich falsch anfühlt? Schreib es mir gern in die Kommentare, denn oft hilft es schon, so einen Gedanken einmal auszusprechen.

Nach den Feiertagen: Warum Silvester und der Januar oft noch einmal reinhauen

Mit dem 27. Dezember ist es leider nicht automatisch geschafft, und viele, die ich begleite, sind überrascht, wie schwer die Zeit nach Weihnachten wird, obwohl sie fest damit gerechnet hatten, endlich aufatmen zu können. Während der Feiertage läuft der Körper oft auf Reserve, getragen von Anspannung, Terminen und dem Willen, irgendwie durchzuhalten, und wenn diese Anspannung nachlässt, kommt häufig die Erschöpfung, die sich über Wochen aufgestaut hat. Gleichzeitig kehren alle anderen in ihren Alltag zurück, die Anrufe werden seltener, der Januar ist grau und lang, und mit Silvester rutscht der Tod deines Menschen plötzlich ins „letzte Jahr“, was sich für viele anfühlt, als würde er ein ganzes Stück weiter weggerückt.

„Silvester war schlimmer als Weihnachten. Ich wollte auf keinen Fall irgendwohin und bin früh ins Bett, damit ich das alles einfach verpasse. Um Mitternacht hab ich dann draußen das Feuerwerk gehört und dachte nur, jetzt ist er letztes Jahr gestorben.“ (Klientin, 56, hat ihren Mann verloren)

Es hilft, auch für Anfang Januar schon etwas zu planen, auf das du dich ein wenig freuen kannst, und mindestens einem Menschen zu sagen, dass diese Zeit für dich schwer werden könnte, damit sich jemand meldet, wenn es um dich herum ruhiger wird. Und wenn du an Silvester lieber um halb elf ins Bett gehst, statt um Mitternacht mit Sekt in der Hand ein neues Jahr zu begrüßen, das du dir so nicht ausgesucht hast, dann ist das eine vollkommen vernünftige Entscheidung.

FAQ: Weihnachten und Trauer

Was wünscht man Trauernden zu Weihnachten?

„Frohe Weihnachten“ passt für viele Trauernde in diesem Jahr einfach nicht, deshalb tun ehrlichere Worte oft besser, etwa „Ich denke in diesen Tagen besonders an dich“ oder „Ich wünsche dir Feiertage, die du gut überstehst, und Momente, in denen es ein bisschen leichter ist“. Viele Trauernde freuen sich außerdem sehr, wenn der Name des Verstorbenen ausgesprochen wird, zum Beispiel mit einem Satz wie „Ich weiß, dass Werner dir an Weihnachten besonders fehlt“, weil sie dann spüren, dass er nicht vergessen ist.

Wie kann ich einen trauernden Menschen an Weihnachten unterstützen?

Am meisten helfen ganz konkrete Angebote, denn ein „Melde dich, wenn du was brauchst“ ist zwar lieb gemeint, aber die wenigsten Trauernden melden sich tatsächlich. Sag lieber „Ich rufe dich an Heiligabend um sechs an“ oder „Ich hole dich am zweiten Feiertag zum Spaziergang ab“, biete an, den Baum zu besorgen, einzukaufen oder ein paar Stunden mit den Kindern zu spielen. Eine Einladung zum Fest kann sehr wertvoll sein, wenn du dazusagst, dass auch eine kurzfristige Absage völlig in Ordnung ist. Halte Tränen genauso aus wie Lachen, sprich den verstorbenen Menschen ruhig mit Namen an, und denk daran, dass die Zeit nach den Feiertagen oft die schwerste ist, sodass ein Anruf Mitte Januar manchmal mehr bedeutet als jede Weihnachtskarte. Und wer einem trauernden Menschen zu Weihnachten eine kleine Freude machen möchte, liegt mit einer Kerze für den Verstorbenen, einem Teller selbstgebackener Plätzchen oder einer Karte mit einer persönlichen Erinnerung an ihn fast immer richtig.

Und wenn du merkst, dass dich diese Tage über lange Zeit kaum noch schlafen, essen oder aus dem Haus gehen lassen, dann hol dir Unterstützung, in deiner Hausarztpraxis, bei einer Trauerbegleitung oder bei der TelefonSeelsorge, die auch an den Feiertagen rund um die Uhr erreichbar ist.

Begleitung, wenn Weihnachten in Trauer zu schwer wird

Wenn du merkst, dass dir diese Feiertage schwerer auf der Seele liegen, als du dir eingestehen möchtest, begleite ich dich gern durch diese Zeit. In meiner Einzelbegleitung schauen wir gemeinsam, was du gerade brauchst, und den Anfang macht ein kostenloses 20-minütiges Kennenlerngespräch am Telefon.

Wie verbringst du Weihnachten in diesem Jahr, und was hat dir in früheren Jahren geholfen oder eben überhaupt nicht? Schreib es mir in die Kommentare, denn deine Erfahrung kann für jemanden, der das hier gerade mit einem Kloß im Hals liest, genau der Gedanke sein, der gerade gefehlt hat.

Falls es in den Feiertagen nachts richtig dunkel wird, ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr, anonym und kostenfrei unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123 erreichbar, auch per Chat und Mail.

Wenn dir dieser Text gutgetan hat und du öfter von mir lesen möchtest, dann trag dich gern in meinen Newsletter ein, in dem ich in unregelmäßigen Abständen über Trauer schreibe, über das, was mir in meiner Arbeit begegnet, und über das, was Trauernden im Alltag weiterhilft.

Quellen und weiterführende Hilfe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert